Frühförderung sehbehinderter und blinder Kinder in Österreich

Vortrag von Frau Hildegard Meier (Sondererzieherin am Bundes-Blindenerziehungsinstitut Wien und Obfrau der ARGE Frühförderung für sehgeschädigte Kinder) im Rahmen des Kommunikationstages des Vereines Blickkontakt am 13.5.1995 zum Thema "Blindheit in Schule und Familie":

Was ist der Verein ARGE Frühförderung?

"Wir sind ein Teamaus 18 Hausfrühförderinnen, einer Psychologin, einem Augenarzt und einem Kinderneurologen. Wir betreuen die Kinder einmal wöchentlich in der Frühförderung. Die Frühförderinnen sind ausgebildet als Sonderkindergärtnerinnen, Sondererzieherinnen, Ergotherapeuten oder Ortophtisten. Die Frühförderinnen arbeiten alle nebenberuflich, so dass sich daraus eine hohe Mitarbeiterfluktuation - alle zwei Jahre ca. 50% - ergibt. Wir erbringen in Wien, Niederösterreich und dem Burgenland Frühförderbetreuung."

"In Wien wird uns nur die Betreuungseinheit bezahlt; von Wien bekommen wir aber keinen Fahrtspesenersatz, etwa durch Kilometergeld."

"In NÖ ist es so, dass wir durch eine Subvention den gesamten Aufwand abgegolten bekommen und können die Leute hauptberuflich oder mit Werkvertrag anstellen. Abgegolten sind also die Betreuungseinheiten, die Supervisionstermine und Teambesprechungen, jedoch nicht Vor- und Nachbereitungsarbeiten oder Fortbildungen. Wir sind auch nicht versichert. Die Fahrtkosten werden durch das amtliche Kilometergeld und einen Schilling Fahrzeitentgelt abgegolten."

"Wir gehen einmal in der Woche für 60 Minuten in die Familie; wenn wir natürlich nach NÖ oder Bgld. fahren, so kommen dazu noch An- und Rückfahrtszeiten von bis zu drei Stunden. Wir wurden aber von der NÖ Landesregierung bereits angehalten, vermehrt auch ambulante Frühförderung anzubieten, wenn die Hausfrühförderung nicht unbedingt notwendig ist, um die Fahrtspesen zu reduzieren. Dagegen versuchen wir uns mit guten Gründen zu wehren, da das Kind in der gewohnten Wohnumgebung erlebt und gefördert werden soll."

"In Wien ist die Frühförderung für die Eltern gratis; in NÖ ist ein Anerkennungsbeitrag von ATS 150 und im Burgenland von ATS 80 zu entrichten."

"Wir haben einmal im Monat Supervision und einmal im Monat vier Stunden Besprechung mit einem Augenarzt bzw. einem Kinderneurologen."

"In Wien wurden uns vom Bund im Bundes-Blindenerziehungsinstitut Räumlichkeiten von rund 100m2 zur Verfügung gestellt, wo wir etwa auch einen Schwarzlichtraum einrichten; dort kann die ambulante Frühförderung angeboten werden."

Wie erfahren nun Eltern etwas über Frühförderung?

"Es gibt mittlerweile sehr viele Augenärzte, die über Hausfrühförderung bescheid wissen und die diese Information auch an Eltern mit sehbehinderten oder blinden Kleinkindern weitergeben. Es gibt aber auch mittlerweile sehr viele Frühgeburtenstationen, die den Eltern weitervermitteln, dass es Hausfrühförderung gibt. In Wien besteht die Schwierigkeit, dass es eine gewisse Konkurrenz der verschiedenen Frühförderanbieter gibt, so dass die Eltern zwar in der Regel erfahren, dass es eine sog. allgemeine Frühförderung gibt, nicht aber, dass es auch eine spezielle Sehfrühförderung gibt. Deshalb bekommen wir die Kinder oftmals erst relativ spät in die Sehfrühförderung, insbesondere bei sehbehinderten Kindern erst etwa ein Jahr vor dem Schuleintritt. Um die Information entsprechend weiterzugeben, verschicken wir immer wieder Informationsblätter an Augenärzte und Kliniken bzw. sprechen persönlich dort vor. Die Elternselbsthilfe in Wien,NÖ und Burgenland ist ebenfalls sehr stark und gibt die Informationen auch weiter."

Was haben die Eltern zu tun, sobald sie die Info über Frühförderung erhalten haben?

"Zunächst müssen die Eltern zum Erstgespräch zu uns kommen, das heißt, dass das Erstgespräch mit der Psychologin und der Frühförderin immer im Blindeninstitut stattfindet; dort bekommen die Eltern Informationen darüber, was wir in der Frühförderung anbieten können. Es wird auch eine Art Diagnose erstellt und der Antrag auf Frühförderung bei der Landesregierung gestellt. Dieses Bewilligungsverfahren dauert in der Regel vier bis sechs Wochen. Wird der Antrag nicht bewilligt, so nehmen wir trotzdem Kontakt mitden Eltern auf und bieten an, dass wir die Frühförderung dennoch durchführen, wenn die Eltern die Kosten von ATS 550 + Fahrtkosten selbst tragen; dies ist derzeit in zwei Fällen so. Sobald aber eine Bewilligungdes Antrages vorliegt, fährt die Frühförderin einmal wöchentlich in die Familie."

Was versteht man unter Hausfrühförderung?

"Hausfrühförderung ist eine ganzheitliche pädagogische Förderung mit den Bezugspersonen im gewohnten sozialen Umfeld. Diese Begleitung geht in NÖ und dem Burgenland von der Erfassung bis zum Schuleintritt. In Wien dürfen wir jedoch die Kinder nur bis zum Eintritt in den Kindergarten begleiten."

"Frühförderung ist keine Therapie; wir wollen begleiten und fördern. Es wird eine ganz spezielle und persönliche Betreuung für das Kind und die Eltern angeboten, wo auf den Entwicklungsstand des Kindes, seine Leistungsbereitschaft und das soziale Umfeld entsprechend Bedacht genommen wird. Durch die Förderung zuhause soll verhindert werden, dass die Eltern mit dem behinderten Kind beschwerliche Wege in eine Institution auf sich nehmen müssen und, dass die Kinder in der fremden Umgebung noch zusätzlich verängstigt werden."

Was machen wir nun konkret in unserer täglichen Arbeit?

"Wir erstellen zunächst eine Anamnese, also ein Gespräch mit den Eltern und dem Kind. Dazu finden laufend auch Kontrollen statt, und zwar von den Pädagogen, den Psychologen, den Medizinern und den Sozialarbeiterinnen. Es ist für uns ein ziemliches Herumlaufen und Herumtelefonieren, bis wir alle Daten und Befunde des Kindes haben."

"Dann findet die eigentliche Frühförderung statt. Es ist dies eine Förderung in den elementaren Fähigkeiten, der Sehrestschulung aber auch in der Tast-, Gehör- und Geruchsschulung. Gefördert wird auch die Selbständigkeit, die Mobilität, die basale Stimulation; dazu werden Spiel- und Fördermaterialien angeboten."

"Daneben findet auch eine Frühberatung, etwa in rechtlichen Fragen, zur Spielplatzgestaltung etc., statt. Wir geben Informationen von anderen Beratungsstellen weiter, arbeiten mit Elternselbsthilfegruppen zusammen und erteilen Hilfsmittelberatung. Wir beraten über den Bildungsweg in den Kindergarten und die Schule."

"Wir geben auch den Eltern im Rahmen der wöchentlichen Hausbesuche Hilfestellung; wir fördern die elterliche Kompetenz und die partnerschaftliche Zusammenarbeit. Wir versuchen darin die gesamte Familie einzubeziehen, insbesondere auch die Geschwister."

"Nicht zuletzt arbeiten wir aber auch mit den anderen Frühförderstellen zusammen, versuchen die Bewusstseinsbildung in der Öffentlichkeit zu betreiben, Gespräche mit andern Fachdisziplinen, in der Supervision und im Team zu führen ..."

Was ist die sog. visuelle Stimulation?

"Ein ganz wichtiger Bereich bei der Frühförderung ist die visuelle Stimulation. Auch wenn wir einen medizinischen Befund haben, der besagt, dass das Kind blind ist, ist es für uns ganz wichtig, dass wir trotzdem eine Sehschulung anbieten. Wir beginnen also trotzdem, den Kindern Licht anzubieten bzw. zu schauen, ob nicht doch noch irgendwo ein Sehrest vorhanden ist. Die Erfahrung zeigt, dass wir eigentlich nur sehr wenige vollblinde Kinder haben, wo kein Sehrest da ist; das sind fast nur Kinder mit Glasaugen oder gänzlicher Netzhautablösung. Bei allen anderen fördern wir den Sehrest so, dass sie ihn, auch wenn er minimal ist, doch einmal optimal einsetzen können."

Welche Fördermaßnahmen erbringt die Frühförderung noch?

"Neben der visuellen Stimulierung bieten wir auch eine Bewegungsförderung mit einer Physiotherapeutin, eine Sprachförderung und eine Wahrnehmungsförderung an. Wir begleiten die Eltern auch beim Gespräch mit den Kindergärtnern oder Lehrern vor dem Eintritt in den Kindergarten oder die Schule. Wir haben bislang sehr gute Erfahrung mit der Integration in den Regelkindergarten gemacht und wenig gute Erfahrung mit Sonderkindergärten. Die Schulintegration ist jedoch aus meiner Sicht noch sehr problematisch."

Und Wie sieht die Frühförderung in der Praxis aus?

"Ich möchte nun an Hand eines Fallbeispieles die tägliche Arbeit unserer Frühförderstelle illustrieren: Anna wurde als zweites Kind geboren; Schwangerschaft und Geburt verliefen problemlos. Das Mädchen trank gut, nahm zu und schlief genügend. Sobald die Mutter mit dem Kind ins helle Licht kam, weinte es und presste die Augen zu. Auch beim Stillen konnte die Mutter keinen Augenkontakt zu Anna herstellen, ihre Äuglein waren unruhig und bewegt. Beim Wickeln fiel der Mutter etwas weißes in der Pupille auf; sie war beunruhigt. Der Augenarzt bestätigte, dass Anna eine angeborene Linsentrübung hat. Eine Operation an beiden Augen musste sofort durchgeführt werden. Während der ersten Besprechungen und Abklärungen in der Frühfördereinrichtung waren die Eltern sehr traurig und stellten mir viele Fragen: Warum hat unser erst sechs Wochen altes Mädchen diese Linsentrübung? - Muss es wirklich ins Spital? - Braucht ein Säugling schon eine brille? - Ist eine spezielle Förderung wichtig? ..."

"Ich erklärte den Eltern, wie das Sehen nach der Operation ohne Linsen funktionieren würde; damit die Bilder scharf auf der Netzhaut abgebildet werden braucht Anna unbedingt eine Brille oder Kontaktlinse; die Entwicklung der Augen und des Sehzentrums wäre sonst schwer gefährdet, die Netzhaut kann ihre Funktionen nicht üben, die Fähigkeit des scharfen Sehens kann sie nicht ausbilden. Ich wusste, dass diese sensible Phase nicht verpasst werden durfte. Mangelndes Sehvermögen könnte auch die zusätzliche Entwicklung beeinträchtigen und zu weiterer Behinderung führen. Meine Abklärungen ergaben, dass Anna ihr Sehvermögen noch nicht entdeckt hatte. Sie griff nicht nach Spielsachen, sie nahm die Umgebung nicht wahr und hatte keinen Blickkontakt. Ihre Augen konnten noch nicht fixieren und bei der Orientierung mithelfen. Anna verhielt sich wie ein blindes Kind. Sie hörte aufmerksam auf alle Geräusche und konnte über die Sprache und den Körperkontakt getröstet werden. Anna war ein sehr ruhiges, bewegungsarmes und anschmiegsames, liebes Kind. Im Spital musste sie nach der Operation längere Zeit in Rückenlage liegen. Es war auffallend, dass Anna mit Angst reagierte, wenn man sie bewegte, wenn sie in die Rücken- oder in die Bauchlage gedreht wurde und, dass sie den Kopf nicht aufrecht halten konnte. Die Physiotherapeutin - eine weitere Mitarbeiterin der Frühförderstelle - zeigte der Mutter schrittweise, wie sich Anna bewegen sollte, wie sich Bewegungsmuster, insbesondere die Übergänge von der einen in eine andere Körperstellung anbahnen lassen."

"Im Einverständnis mit den Eltern begann ich nach dem ersten Gespräch dann mit der Frühförderung. Heute arbeite und spiele ich mit Anna einmal in der Woche im Beisein der Mutter. Zuerst führte ich die Mutter in die Babymassage ein, damit ein nonverbales Zwiegespräch zwischen Mutter und Kind stattfinden kann. Mit verschiedenen Hilfsmitteln motiviere ich Anna die Brille zu tragen und zu schauen. Mit farbigen Taschenlampen, reflektierenden, bewegten und schwarz-weiß gemusterten Spielgegenständen versuche ich das Mädchen zu stimulieren, es sehen zu lehren und ihm das Sehen bewusst zu machen. Je nach Sehbehinderung und Entwicklungsstand eines Kindes setze ich unterschiedliche Methoden oder Spielmittel ein."

"Gemeinsam mit den Eltern suche ich nach Möglichkeiten, Annas Umgebung - Bett und Laufgitter - sicht- und greifbar zu machen. Meine Beobachtungen, wie sich Anna während des Spielens oder der Orientierung und Mobilität visuell verhält, sind wichtig für die Zusammenarbeit mit dem Augenarzt, dem Optiker und der Physiotherapeutin."

"Anna wird zwar trotz guter Förderung, gut angepasster Brille und möglichst optimaler Ausnützung des Sehrestes ihr Leben lang eine Sehbehinderung haben, doch sie lernt mit der Hilfe aller Beteiligten ihr Sehvermögen optimal einzusetzen und durch die Ausbildung verschiedener Sinneskanäle, wie hören, spüren, schmecken, riechen, kompensatorische Leistungen zu erbringen. Sie kann durch die Verbindung der verschiedenen Intonationen echte Vorstellungen von ihrer Umwelt entwickeln. Wieviel Begleitung, Schutz und Freiraum ein sehbehindertes Kind braucht bzw. bewältigt, ist individuell verschieden und nicht zuletzt von seinem sozialen Umfeld abhängig."

"Ich hoffe, Ihnen nun einen kleinen Einblick in die Frühförderung gegeben zu haben."

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